Historisches
Veteranen erzählen
Aus der Festschrift zum 60-jährigen Jubiläum 1985
Anton Reichmuth, ehem. Schriftführer:
Im Spätsommer 1925, an einem schönen Sonntagabend, kam ein Dutzend sangesfreudiger Burschen und Männer im Hause der Familie Luhnau in der im Jahre 1920 gegründeten Kolonie Independencia (Colonia Independencia) zusammen. Bei einem Glas Wein und einem Stück Maiskuchen geschah ein Wunder. Aus den Kehlen der Männer stiegen heimatliche Lieder hinaus in die Urwaldnacht. An diesem Septemberabend, genau vor 60 Jahren (1925. Der Text wurde 1985 verfaßt. Anm.d.Red.), wurde der Männerchor Independencia gegründet.
Jeden Sonntag nachmittag wurde nun geprobt, natürlich einfache Lieder. Einige sichere Sänger mit Notenkenntnissen waren die Pfeiler des neuen Chores. Wer weiß, was mit der Kolonie Independencia (Colonia Independencia) passiert wäre, ohne Chor wäre das deutsche Lied und damit auch unsere Muttersprache im Urwald, fern der Heimat verstummt.
Ein neues Schulhaus war nötig, da die alte Hütte, genannt Schulhaus, baufällig wurde. Die Sänger waren zur Stelle mit Äxten und Buschmessern, es wurde gerodet und ein neues Fachwerkhaus aufgestellt. An diesem Ort wurden künftig die Koloniefeste abgehalten.
Im Oktober 1930 verliess unser Dirigent Luhnau die Kolonie Independencia;(Colonia Independencia); die Chorleitung übernahm nun Herr Neugebauer. Als die Hitlerregierung in Deutschland die Macht übernahm und später der 2. Weltkrieg ausbrach, verließen mehrere gute Sänger die Kolonie Independencia (Colonia Independencia), um drüben den Waffenrock anzuziehen, manche davon opferten ihr Leben. Mit Müh und Not konnte der Chor sich am Leben erhalten.
1932 reiste unser Dirigent, H. Neugebauer, aus der Kolonie Independencia (Colonia Independencia) weg. Mancher versuchte nun, den Chor zu leiten, aber die Hauptsache war, es wurde gesungen.
1934 übernahm Herr Penzel die Chorleitung. Der Chor wurde wieder auftrittsfähig. Auch die Bläsergruppe, welche dem Chor angeschlossen ist, stand unter seiner Leitung.
1936 wurde der Männerchor Independencia Mitglied des Deutschen Sängerbundes. Um diese Zeit übernahm Herr Karl Schäfer die Musikgruppe.
1950 starb ganz unerwartet der allseits geschätzte Chorleiter Paul Wolff. Hubert Fröch wurde zum Nachfolger als Dirigent ernannt.
Die Proben wurden nun im Hause von Herrn Fritz Schindler durchgeführt. Der Männerchor und die Blasmusik traten damals schon in Asunción und San Bernardino auf. Ebenfalls wurden Theaterstücke aufgeführt. Auch wurde Kontakt mit anderen deutschsprechenden Kolonien im In- und Ausland aufgenommen. Es wurde manche Sängerfahrt durchgeführt. Auch bekamen wir manche deutsche Chöre zu Besuch, mit welchen wir bis heute freundschaftlichen Kontakt unterhalten.
Familienabende wurden alljährlich durchgeführt. Der Sportverein Independencia stellte uns seine Halle immer zur Verfügung, dafür danken wir herzlich. Auch wurde jedes Jahr ein sogenanntes Flußfest gefeiert, was heute schon zur Tradition gehört.
Am 6. September 1959 wurde unsere neue Vereinsfahne von Pfarrer Clar feierlich gesegnet.
1963 starb unser Vorsitzender Fritz Schindler, der früher auch als Lehrer in der Kolonie Independencia (Colonia Independencia) tätig war. Der Verein kaufte das Grundstück von Frau Agnes Hermann. Es wurde mit dem Bau des Probenlokals begonnen und es wurde unter manchen Opfern fertiggestellt.
1975 wurde der Gemischte Chor gegründet. Hubert Fröch übernahm auch dessen Leitung, ebenfalls die Blasmusik Independencia steht heute unter seinem Dirigentenstab (bis 1997, Anm.d.Red.).
Hubert Fröch, Ehrendirigent und Hubert Lobitzberger, Vorstandsmitglied:
Wenn wir zurückblicken und in den Aufzeichnungen unseres Chores nachlesen, so stellen wir fest, daß vor etwas mehr als 60 Jahren (Der Text wurde 1985 verfaßt. Anm.d. Red.) die ersten Einwanderer hier in den Urwald gekommen waren und sich des Sonntags nach schwerer, ungewohnter Pionierarbeit zusammengefunden hatten, um sich die wenigen Neuigkeiten, die es damals gab, zu erzählen.
Dabei mag der eine oder andere ein Lied angestimmt haben, wie etwa "Nach der Heimat möcht ich wieder", denn den meisten brannte ja noch das Heimweh im Herzen. Die anderen stimmten dann mit ein, und so kam das erste Verstehen zustande. Aus einem Lied wurden mehrere. Es ist kaum zu glauben, daß Familie Luhnau ein Klavier in den Urwald mitgebracht hatte. So sang man mit Klavierbegleitung allgemein bekannte Volkslieder. Hatte doch schon mancher von ihnen in der Heimat einem Chor angehört. Und so entstand der Männerchor von Independencia.
Auf ein Bittschreiben von Vater Luhnau an die Königsberger Männerchöre, kamen als Spende 20 Liederbücher und eine Partitur vom Deutschen Sängerbund in die Kolonie Independencia (Colonia Independencia). Ein Königsberger Dirigent und Komponist schickte auch einen ganz besonders in diese Zeit passenden Wahlspruch:
Deutsches Lied, nach schwerer Mühe
Unsere Herzen warm durchglühe!
Mächtig schallt zum Heimatstrande
"Dreimal Hoch dem Vaterlande!"
Am 1.November 1926 fand das erste Fest auf dem Hofplatz von Sangesbruder Paul Wolff statt. Besucher kamen zu Fuss und zu Pferd, um zu hören und zu sehen, was es da geben würde. Der Beifall für das Gebotene und auch ein paar Neueintritte zeigten, daß der Männerchor Independencia auf dem richtigen Wege war.
Solche Feste wurden dann öfter veranstaltet und der Erlös diente dazu, die Deutsche Schule in der Kolonie Independencia (Colonia Independencia) zu erhalten. Der Männerchor Independencia machte es sich zur Aufgabe, bei Beerdigungen zu singen, aber auch bei freudigen Anlässen, wie Hochzeiten, oder man brachte bei einem runden Geburtstag dem Jubilar ein Ständchen.
Auf Einladung anderer Chorvereinigungen sind wir mit dem Männerchor Independencia nach Asunción, Hohenau, Puerto Rico (Argentinien) und nach Rondon und Blumenau (Brasilien) gefahren. Mittels Einladung des Deutschen Sängerbundes am La Plata kamen wir mit dem Gemischten Chor Independencia nach Monte Carlo und Eldorado (Argentinien), sowie nach Presidente Getulio, Entre Rios, Blumenau und Guabiruba (Brasilien) zur Teilnahme an den jeweiligen Sängertagen.
Das vierstimmige Lied, das immer wieder im harmonischen Dreiklang erklingt, verlangt von den Sängern ein Sichanpassen an den andern und auf die Stimme des Nächsten zu hören. Es verlangt Opferbereitschaft, Verantwortung, Pflichtgefühl und Treue. Das alles haben unsere Vorfahren, die tapferen Pioniere der Anfangszeit, bewiesen. Sie gingen zu Fuß, mit einer Sturmlaterne in der Hand, kilometerweit durch die Urwaldpfade zu den Proben.
Auch befanden sich unter diesen Sängern begabte Dirigenten und Vorstände, die den Chor leiteten: Walter Luhnau, der erste Chorleiter, Hugo Rank, erster Vorsitzender, sowie Paul Wolff und viele andere sind uns zum Vorbild geworden.
Coro Polifónico Independencia



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